Neutral, aber westlich. 1945 betrachten sowohl die USA als auch die Sowjetunion die schweizerische Neutralität mit Misstrauen. Mit dem Washingtoner Abkommen von 1946 und der Aufnahme der Beziehungen zur UdSSR, die der Vorsteher des Politischen Departements Max Petitpierre anstrebt, findet die Schweiz aus der Isolation. Der Bundesrat hält seine Neutralitätspolitik bewusst vage, doch das Land fühlt sich der westlichen Welt zugehörig: 1948 tritt es der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit bei, kauft Waffen nur im Westen und hält sich diskret an das amerikanische Handelsembargo gegen den Osten. Die Volksrepublik China anerkennt es jedoch schon 1950, lange vor den USA.
Eine nützliche Neutralität. 1953 tritt die Schweiz als «westlicher Neutraler» der Überwachungskommission der neutralen Staaten für den Waffenstillstand in Korea bei, wo sie bis heute vertreten ist. Die Genfer Konferenzen von 1954 und der österreichische Staatsvertrag von 1955, der die schweizerische Neutralität zum Vorbild nimmt, erhöhen ihr Ansehen. Ab 1973 beteiligt sich die Schweiz aktiv an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und an der Schlussakte von Helsinki.
Die Schweizer Bombe (1946–1988). 1946 setzt der Bundesrat eine Kommission ein, um die Atomenergie auch für militärische Zwecke zu prüfen, und kauft zwischen 1953 und 1955 heimlich 10 Tonnen Uran. 1958 beschliesst er unter dem Eindruck der sowjetischen Bedrohung, die atomare Bewaffnung der Armee zu prüfen; die Sowjetunion hält dies für unvereinbar mit der Neutralität. Eine Volksinitiative für ein Atomwaffenverbot wird 1962 mit 65,5 Prozent abgelehnt. Das Projekt verliert aber an Schwung: Die Schweiz unterzeichnet 1969 den Atomwaffensperrvertrag und ratifiziert ihn 1977; 1988 wird der zuständige Ausschuss aufgelöst.
1956 und die Flüchtlinge. Der Antikommunismus erreicht nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands seinen Höhepunkt: Am 20. November 1956 hält das Land drei Schweigeminuten, und die Schweiz verzichtet auf die Olympischen Spiele von Melbourne. Sie nimmt rund 12'000 Ungarinnen und Ungarn auf, nach 1959 1200 Tibeter, nach 1968 12'000 Tschechen und Slowaken und zwischen 1975 und 1983 8200 Vietnamesen. 1957 entsteht das Zivilschutzgesetz, und die Armee setzt auf Luftwaffe und Panzer, um eine bewaffnete Neutralität zu verteidigen.
Die Fichenaffäre (1989). Während des ganzen Kalten Kriegs überwachen Bundes- und Kantonspolizei Menschen, die linker Sympathien verdächtigt werden, oft ohne gesetzliche Grundlage. 1989, nach dem Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp, deckt eine parlamentarische Untersuchungskommission rund 900'000 Fichen auf. Am 3. März 1990 demonstrieren rund 30'000 Menschen vor dem Bundeshaus gegen den «Schnüffelstaat». Zugleich fällt die Berliner Mauer: Der Kalte Krieg endet und mit ihm das Umfeld, das es der Schweiz erlaubt hatte, neutral und ausserhalb der grossen internationalen Organisationen zu bleiben.