Der 1. April 1944 (Schaffhausen). Kurz vor 11 Uhr an einem Samstagmorgen hält ein Verband amerikanischer B-24-Bomber «Liberator», der in England gestartet war, um die Chemiewerke der IG Farben in Ludwigshafen rund 200 Kilometer weiter nördlich anzugreifen, Schaffhausen für eine deutsche Stadt: Schlechtes Wetter, starker Rückenwind und fehlerhafte Radargeräte haben ihn vom Kurs abgebracht. In etwa vierzig Sekunden fallen rund 370 Spreng- und Brandbomben auf die Stadt. Viele Einwohner, an Fliegeralarme gewöhnt, gehen auf die Strasse, um die Flugzeuge zu beobachten, statt in die Schutzräume zu steigen.
Eine Stadt in Flammen. 40 Menschen sterben, rund 270 werden verletzt, und mehr als 400 werden obdachlos; über tausend Arbeiter verlieren ihre Stelle, weil die Fabriken zerstört sind. Es brennen der Bahnhof, Häuser der Altstadt und das Naturhistorische Museum am Herrenacker. Im 1938 eröffneten Museum zu Allerheiligen zerstört eine Brandbombe den Saal des Schaffhauser Renaissancemalers Tobias Stimmer: Mehr als 80 Gemälde gehen verloren. Es ist die schwerste Bombardierung, die je eine Schweizer Stadt erlitten hat.
Entschuldigung, Entschädigung und Solidarität. Präsident Franklin D. Roosevelt entschuldigt sich im Namen der Vereinigten Staaten, die bis Oktober 1944 4 Millionen Dollar Entschädigung zahlen. Wenige Tage nach dem Angriff startet die Neue Zürcher Zeitung für das Museum eine Sammlung, die rund 150'000 Franken einbringt, und Kantone, Städte und Private aus der ganzen Schweiz schenken rund achtzig Werke. Lange glaubte man an eine gezielte Bestrafung der Schaffhauser Industrie, die für Deutschland arbeitete; amerikanische und britische Archive zeigen, dass es ein Irrtum war. Jedes Jahr am 1. April läuten die Glocken der Stadt zum Gedenken an die Opfer.
Eine vom Himmel verletzte Neutralität (1940–1945). Der Schweizer Luftraum wird ständig von Flugzeugen beider Seiten durchquert: 1940 liefern sich Schweizer Fliegerabwehr und Jäger Gefechte mit der Luftwaffe, später landen rund 1700 amerikanische Flieger in der Schweiz und werden interniert. Alliierte Bomben fallen rund siebzig Mal irrtümlich auf Schweizer Gebiet: Am 22. Februar 1945 sterben in Stein am Rhein neun Menschen, am 4. März 1945 werden Basel und Zürich getroffen. 1949 zahlen die Vereinigten Staaten der Schweiz weitere 62 Millionen Franken zur Abgeltung aller Kriegsschäden.