Eine Idee aus dem Krieg (1918–1919). Im Januar 1918 schlägt US-Präsident Woodrow Wilson im letzten seiner Vierzehn Punkte eine «allgemeine Vereinigung der Nationen» zur Sicherung des Friedens vor. Im Mai beauftragt der Bundesrat eine Kommission, die Schweizer Beteiligung zu prüfen; gestützt auf einen Bericht des Juristen Max Huber arbeitet sie im Januar 1919 einen eigenen Entwurf für einen Pakt aus. Die neutrale Schweiz wird jedoch nicht zur Pariser Friedenskonferenz eingeladen: Ihre Ideen werden von anderen übernommen oder verworfen. Die Völkerbundsatzung, am 28. April 1919 verabschiedet, wird Teil des Versailler Vertrags, der am 28. Juni unterzeichnet wird.
Genf, Sitz des Friedens (1919–1920). Mit Unterstützung Wilsons wird Genf zum Sitz der neuen Organisation gewählt und setzt sich gegen Brüssel durch. Ab dem 1. November 1920 arbeitet das Sekretariat im ehemaligen Hôtel National am Seeufer, das 1924 den Namen Palais Wilson erhält. 1920 lässt sich auch das Internationale Arbeitsamt in Genf nieder.
Die «differenzielle» Neutralität (1920). In seiner Botschaft vom 4. August 1919 beantragt der Bundesrat den Beitritt und will ihn Volk und Ständen vorlegen: ein wichtiger Schritt im Einsatz der direkten Demokratie für internationale Verpflichtungen des Landes. Knackpunkt ist die Neutralität. Mit der Londoner Erklärung vom 13. Februar 1920 erhält die Schweiz die ausdrückliche Anerkennung ihrer Neutralität und die Befreiung von militärischen Sanktionen, bleibt aber zur Teilnahme an wirtschaftlichen Sanktionen verpflichtet: Es entsteht die sogenannte «differenzielle» Neutralität.
Die Abstimmung vom 16. Mai 1920. Der Abstimmungskampf ist heftig, an den Wänden stehen sich Plakate dafür und dagegen gegenüber. Bundespräsident Giuseppe Motta, ab diesem Jahr Vorsteher des Politischen Departements, setzt sich persönlich dafür ein, die katholisch-konservativen Kreise zu überzeugen. Bei einer Stimmbeteiligung von 77,5 Prozent nimmt das Volk den Beitritt mit 416'870 Ja gegen 323'719 Nein an, doch nur 11½ Stände stimmen zu, 10½ lehnen ab. Die Westschweiz und das Tessin sagen geschlossen Ja, die Deutschschweiz ist gespalten.
Die erste Versammlung (15. November 1920). Delegationen aus über vierzig Staaten treffen sich in der Salle de la Réformation, damals dem grössten Saal Genfs. Präsident der Versammlung ist der Belgier Paul Hymans, Motta ihr Ehrenpräsident. Für die Schweiz und Genf bedeutet dies eine nie dagewesene Sichtbarkeit, zu der auch der Genfer Professor William Rappard und weitere Schweizer im Sekretariat beitragen. Um die Neutralität nicht zu gefährden, verzichtet der Bundesrat am 13. Dezember 1920 auf einen Sitz im Völkerbundsrat.
Die Ära Motta (1920–1940). Bis zu seinem Tod im Januar 1940 leitet Motta die Schweizer Aussenpolitik, so lange wie niemand sonst. Im September 1924 präsidiert er die fünfte Versammlung. Von der Genfer Tribüne aus verteidigt er die Universalität des Völkerbunds und die internationale Schiedsgerichtsbarkeit, doch die Schweiz bleibt vorsichtig: Schon 1920 muss Motta seine Zustimmung zum Durchmarsch von Völkerbundstruppen für den Konflikt um Vilnius zurückziehen, 1934 stimmt die Schweiz gegen die Aufnahme der Sowjetunion, und 1935–1936 beteiligt sie sich nur begrenzt, fast symbolisch an den Sanktionen gegen Italien nach dessen Überfall auf Äthiopien.
Der Palais des Nations (1929–1936). Am 7. September 1929 wird im Ariana-Park oberhalb des Sees der Grundstein für einen neuen Sitz gelegt. 1936 zieht der Völkerbund in den neuen Palais des Nations, gerade als seine Autorität zerfällt: Japan und Deutschland sind 1933 ausgetreten, Italien wird Ende 1937 folgen.
Von der integralen Neutralität zur UNO (1938–1946). Am 14. Mai 1938 befreit der Völkerbundsrat die Schweiz auch von den wirtschaftlichen Sanktionen und gibt ihr die «integrale» Neutralität zurück. Während des Zweiten Weltkriegs fürchtet Bern, die Tätigkeiten in Genf könnten die Neutralität gefährden, und zahlt ab 1941 keinen Jahresbeitrag mehr. Im April 1946 löst die letzte Versammlung in Genf den Völkerbund zugunsten der Vereinten Nationen auf. Der Palais des Nations wird zum europäischen Sitz der UNO, und Genf bleibt eine Hauptstadt der Weltdiplomatie; die Schweiz selbst tritt der UNO erst 2002 bei.