Ein Jubiläum wird erfunden (1889–1891). Bis weit ins 19. Jahrhundert datierte man die Entstehung der Eidgenossenschaft nach dem Chronisten Aegidius Tschudi auf den 8. November 1307. Der lange vergessene Bundesbrief von 1291 war erst 1760 veröffentlicht worden. Als sich Bern auf die 700-Jahr-Feier seiner Gründung im Jahr 1891 vorbereitete, entstand die Idee, im selben Jahr auch 600 Jahre Eidgenossenschaft zu feiern. Als Geburtsurkunde wählte man statt einer revolutionären Verschwörung ein Rechtsdokument: den Bund, den Uri, Schwyz und Unterwalden «zu Beginn des Monats August» 1291 geschlossen hatten. So wurde der 1. August zum Festtag.
Schwyz, 1. August 1891. Die offiziellen Feiern fanden in der Innerschweiz statt, die als Wiege der Eidgenossenschaft galt. Am Vortag goss es in Strömen, und am Abend läuteten die Glocken aller Kirchen des Tals das Fest ein. Am Morgen des 1. August eröffneten Kanonenschüsse den Tag; nach dem Gottesdienst zog der Festzug auf die Festwiese: der Bundesrat, die Diplomaten und die Abordnungen aller Kantone, deren Weibel Mäntel in den Kantonsfarben trugen. Bundespräsident Emil Welti sprach zur Menge. Am Nachmittag führten 720 Mitwirkende auf einer grossen Freilichtbühne vor rund 10'000 Zuschauern ein Festspiel auf, das von den ersten Bewohnern der Täler über den Rütlischwur, Morgarten, Murten und die Tagsatzung von Stans bis zu Pestalozzi reichte. Am Abend leuchtete ein Feuerkreuz auf den Mythen.
Das Rütli, 2. August 1891. Am folgenden Tag verlagerte sich das Fest auf die Rütliwiese über dem Urnersee, wo der Überlieferung nach der Bund beschworen wurde. Bei Einbruch der Nacht wurden die Ufer des Sees und die Berge beleuchtet. Die Feier von 1891 blieb jedoch ein aussergewöhnliches Ereignis, an ein besonderes Jubiläum gebunden: An eine jährliche Wiederholung dachte noch niemand.
Der 1. August wird Nationalfeiertag (1899–1994). Die jährliche Feier beginnt 1899, als der Bundesrat die Kantone bittet, am Abend des 1. August die Glocken läuten zu lassen, nicht zuletzt auf Drängen der Auslandschweizer, die ihren eigenen 14. Juli wollten. Bald gehören die Höhenfeuer und die offiziellen Reden zum Fest, später Lampions und immer mehr Feuerwerk. Fast ein Jahrhundert lang bleibt der 1. August jedoch ein gewöhnlicher Arbeitstag: Nur einige Kantone erklären den Nachmittag oder den ganzen Tag zum Feiertag. Am 26. September 1993, im Nachgang zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, nehmen 83,8 Prozent der Stimmenden eine Volksinitiative der Schweizer Demokraten an, und seit 1994 ist der 1. August in der ganzen Schweiz ein Feiertag.
Die Volksinitiative (5. Juli 1891). Die Verfassungen von 1848 und 1874 erlaubten 50'000 Bürgern nur, eine Totalrevision der Verfassung zu verlangen. 1884 fordert eine Motion der katholisch-konservativen Nationalräte Josef Zemp, Johann Joseph Keel und Martino Pedrazzini, auch einzelne Artikel ändern zu können. Am 5. Juli 1891 nehmen Volk und Stände die Neuerung mit 60,3 Prozent Ja bei einer Stimmbeteiligung von 49,9 Prozent an: Die katholisch-konservativen Kantone stimmen massiv zu, Freiburg mit 95,3 Prozent, während die freisinnigen Kantone skeptisch sind und die Waadt ablehnt. Seither können 50'000 Bürger, damals 7,6 Prozent der Stimmberechtigten, eine Verfassungsänderung als allgemeine Anregung oder als ausgearbeiteten Entwurf vorschlagen, über die Volk und Stände abstimmen. Die erste angenommene Initiative verbietet 1893 das Schlachten ohne vorherige Betäubung, eine Massnahme, die sich faktisch gegen die Juden richtet. 1977 wird die Zahl der nötigen Unterschriften auf 100'000 erhöht.
Der erste katholisch-konservative Bundesrat (17. Dezember 1891). Am 6. Dezember 1891 verwirft das Volk den von Emil Welti betriebenen Rückkauf der Aktien der Schweizerischen Centralbahn; Welti tritt zurück. Um die Krise zu lösen, bieten die Freisinnigen erstmals den 1847 besiegten Gegnern, den Katholisch-Konservativen, einen Sitz in der Regierung an. Am 17. Dezember 1891 wählt die Bundesversammlung den Luzerner Josef Zemp, der die Verstaatlichung der Bahnen bekämpft hatte; ausgerechnet ihm wird das Post- und Eisenbahndepartement übertragen, und als Departementschef unterstützt er den Rückkauf der Bahnen, den das Volk 1898 annimmt und aus dem die SBB hervorgehen. Bundespräsident 1895 und 1902, bleibt er bis 1908 im Amt. Seine Wahl besiegelt den historischen Kompromiss zwischen Freisinn und Katholiken: Zemp wird zum Symbol für die Integration des politischen Katholizismus in den Bundesstaat, wie es 1943 Ernst Nobs für die Sozialdemokratie sein wird.