Vor der Schweiz. Zwischen etwa 4300 und 800 v. Chr. gibt es keine Schweiz und auch kein Volk, das man schweizerisch nennen könnte. Es gibt keine Grenzen, keine Staaten und keine Völkernamen: Die Helvetier erscheinen in schriftlichen Quellen erst viele Jahrhunderte nach dem Ende der letzten Seeufersiedlungen. Die Uferbewohner gehören verschiedenen Gemeinschaften an, die die Archäologie an ihren Gegenständen unterscheidet und nach den Fundorten benennt: Egolzwil, Cortaillod und Lüscherz im Westen, Pfyn und Horgen im Osten, die Schnurkeramik. Ähnliche Dörfer stehen rund um die Alpen, in Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien und Slowenien: Ihre Welt deckt sich mit keinem heutigen Staat.
Dörfer am Ufer. Die Dörfer entstehen, wenn das Klima trockener wird und Seen und Moore zurückweichen; dann fallen breite Uferterrassen nahe am Wasser trocken. Im Mittelland unterscheidet man vier grosse Phasen: das Mittelneolithikum (4300–3400 v. Chr.), das Spätneolithikum (3300–2450 v. Chr.), die Frühbronzezeit (1810–1490 v. Chr.) und die Spätbronzezeit (1080–850 v. Chr.). Die Häuser, meist mit abgehobenem Boden zum Schutz vor den jahreszeitlichen Hochwassern, sind seeseitig durch Wellenbrecher-Palisaden geschützt und über Stege aus Pfählen und Brettern mit dem Festland verbunden. Ein Dorf zählt einige Dutzend Häuser auf etwa einer Hektare; in der Spätbronzezeit erreicht Versoix-Bourg am Genfersee fast vier Hektaren. Steigt das Wasser wieder, wird das Dorf aufgegeben und weiter oben neu gebaut. Man lebt von Ackerbau und Viehzucht; Jagd, Sammeln und Fischfang ergänzen die Nahrung.
1854: die Theorie von Ferdinand Keller. Im trockenen Winter 1853/54 sinkt der Zürichsee auf einen seit Jahrhunderten nicht mehr erreichten Stand. In Obermeilen finden die Einwohner Pfähle, Steinwerkzeuge, Knochen und Scherben und übergeben sie dem Dorflehrer Johannes Aeppli. Der Zürcher Archäologe Ferdinand Keller, Präsident der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, erkennt darin die Reste einer prähistorischen Siedlung. Gestützt auf eine Stelle bei Herodot über die Pfahlhäuser am Prasias-See in Thrakien und auf die Stiche von Dörfern in Neuguinea, die der Forschungsreisende Jules Dumont d'Urville veröffentlicht hatte, stellt er sich Häuser auf Plattformen über dem Wasser vor. Und, getragen vom neuen Nationalbewusstsein, schreibt er sie den Kelten zu: Sein erster Bericht heisst Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen. Keller ist der Vater der Theorie, nicht der Entdecker: Pfähle in den Seen werden schon in Handschriften des 15. Jahrhunderts erwähnt, und in der Westschweiz kannten Sammler sie seit langem.
Das «Pfahlbaufieber». Ab den 1860er-Jahren erfasst die Begeisterung für die «Pfahlbauer» alle Schichten. Romantische Rekonstruktionen, Gemälde wie jene von Auguste Bachelin (1867) und Albert Anker (1873), Kalender, Gedichte und historische Umzüge verankern sie in der Volksvorstellung. Der junge Bundesstaat von 1848 sucht gemeinsame Vorfahren für Kantone, die sich in Sprache, Religion und Geschichte unterscheiden: Die Pfahlbauer werden zum Sinnbild einer seit Jahrtausenden geeinten Schweiz. Man stellt sie den Landbewohnern gegenüber, die man sich primitiver und kriegerischer vorstellt. Nach der ersten Juragewässerkorrektion (1868–1891), die den Neuenburger-, Bieler- und Murtensee absenkt, blüht ein reger Handel mit Funden, die an Schweizer und ausländische Museen verkauft werden, und mit ihm entstehen zahlreiche Fälschungen.
Was Legende ist und was Wirklichkeit. Legende ist das Dorf auf einer Plattform mitten im See; Legende ist ein «Seevolk», das sich von den Landbewohnern unterscheidet; Legende ist, dass es Kelten und direkte Vorfahren der Schweizer gewesen seien. Kellers Theorie bleibt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fast unbestritten; dann rollen die Grabungen von Emil Vogt im Luzerner Wauwilermoos die Frage neu auf, und 1955 kritisiert Vogt im Band Das Pfahlbauproblem zum hundertjährigen Bestehen der Forschung den Gegensatz zwischen «Seebewohnern» und «Landbewohnern». Neuere Grabungen zeigen, dass auf den trockengefallenen Ufern sowohl ebenerdige Häuser als auch Häuser mit abgehobenem Boden standen, auf festem Grund und nicht mitten im Wasser. Ihre Bewohner gehörten denselben Kulturen an wie die Dörfer im Hinterland, und sie waren kein einheitliches Volk: Es waren verschiedene Gemeinschaften, verteilt auf Gebiete, die heute zu sechs Ländern gehören. Wirklichkeit ist dagegen die lange Geschichte dieser Dörfer: fast viertausend Jahre, mit langen Unterbrüchen, wenn die Seen stiegen, etwa zwischen 2400 und 1800 und zwischen 1500 und 1100 v. Chr.
Ein Archiv unter Wasser. Gerade weil sie im Schlamm unter Wasser lagen, bewahren die Dörfer, was anderswo verschwindet: Holz, Samen, Textilien, Körbe und Geflechte. Die Jahrringe der Pfähle erlauben es, die Bauten auf das Jahr genau zu datieren (Dendrochronologie). Vom Pfäffikersee stammt eine Holztür aus der Zeit um 3700 v. Chr., heute im Landesmuseum Zürich. 2011 wurden die «Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen» ins UNESCO-Welterbe aufgenommen: 111 Fundstellen in sechs Ländern, davon 56 in der Schweiz, und mindestens 394 weitere sind im Land bekannt. Sie bleiben verletzlich, bedroht durch Motorboote, die Trockenlegung von Mooren und die Verbauung der Ufer.