Ein europäisches Unternehmen (1863–1872). Der Plan einer Bahn durch die Zentralalpen entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach langen Rivalitäten zwischen Regionen und Linienführungen setzt sich die Gotthardvereinigung durch, 1863 von fünfzehn Kantonen und zwei Bahngesellschaften gegründet und von Alfred Escher präsidiert. Dank seiner Finanzierungspolitik schliessen die Schweiz, Deutschland und Italien einen Staatsvertrag über Bau und Betrieb der Linie. 1871 wird in Luzern die Gotthardbahn-Gesellschaft gegründet, und der Genfer Ingenieur Louis Favre erhält den Auftrag für den Tunnel, mit hohen Konventionalstrafen bei Verzug.
Die italienischen Arbeiter. Es graben vor allem arme Bauern aus dem Piemont und der Lombardei: Rund 95 Prozent der Arbeiterschaft sind Italiener. Sie wohnen in überfüllten Baracken in Göschenen und Airolo und arbeiten im Schichtbetrieb im Tunnel, in Dynamitgasen, Gesteinsstaub, Hitze und Wasser. Mangelernährung, Typhus und ein Darmparasit, der Hakenwurm, der die sogenannte «Gotthardanämie» verursacht, befallen Tausende. Um die Fristen einzuhalten, setzt das Unternehmen modernste Technik ein, Druckluftbohrmaschinen und Dynamit, und verschärft die Arbeitsbedingungen.
Der Streik von Göschenen (Juli 1875). Am 27. Juli 1875 legen die Mineure in Göschenen die Arbeit nieder, um bessere Löhne und weniger harte Bedingungen zu fordern. Am nächsten Tag schiesst eine aus Altdorf entsandte Miliz auf die Streikenden: Vier Arbeiter sterben, nach manchen Quellen fünf, weitere werden verletzt. Der Vorfall erregt in ganz Europa Aufsehen, doch die Bedingungen auf der Baustelle bessern sich nicht. Die offizielle Geschichtsschreibung schweigt lange darüber; 1977 holt ihn Villi Hermanns Film San Gottardo ins Gedächtnis zurück.
Die Opfer. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz kostet allein der Scheiteltunnel 177 Arbeiter das Leben; die offizielle Liste nennt 171, andere Untersuchungen kommen auf 199, und viele Verletzte werden einfach nach Hause geschickt. Auch Louis Favre stirbt am 19. Juli 1879 im Tunnel nach einem Schwächeanfall. Am 29. Februar 1880 treffen sich die Mannschaften von Norden und Süden unter dem Berg. Der Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela widmet den Toten das Relief Le vittime del lavoro (Die Opfer der Arbeit), das 1883 an der Landesausstellung in Zürich gezeigt wird; ein Bronzeguss steht seit 1932 vor dem Bahnhof Airolo.
Der Nutzen des Tunnels. Ab 1882 verkehren die Züge durchgehend über die erste Alpentransversale der Schweiz: Die Reise von Zürich nach Mailand verkürzt sich um viele Stunden, und das Tessin ist endlich das ganze Jahr mit dem übrigen Land verbunden. Waren- und Personenverkehr konzentrieren sich auf die Gotthardachse, mit dauerhaften Folgen für die Wirtschaftsgeografie der Schweiz und Europas; entlang der Linie entstehen Bahnhöfe, Hotels und Industrien. Die technisch fortschrittliche Gesellschaft steht aber auch im Zentrum einer Finanzkrise: Die Kosten explodieren, und 1878 muss Escher zurücktreten. 1909 geht die Gotthardbahn an die SBB über; die Doppelspur wird erst 1965 vollendet. Der Basistunnel von 2016 (siehe die Station) knüpft an diese Geschichte an.