Die Burgunder in der Sapaudia (443–534). Im 5. Jahrhundert zerfällt die römische Herrschaft. 443 siedelt der römische Feldherr Aëtius die Überlebenden des burgundischen Volkes in der Sapaudia an, einem Gebiet zwischen Jura, Genfersee, Rhone und Aare (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Savoyen), wohl um die Alpenpässe und die Verbindung zwischen Rhone und Rhein zu sichern. Es sind wenige: Nach neueren Schätzungen zwischen 5000 und 25'000 Menschen. In wenigen Jahrzehnten dehnt sich ihr Reich bis Lyon (461) und zur Durance (478) aus, mit Lyon als Hauptstadt und einem Teilreich in Genf. 532–534 wird es von den Franken erobert.
Germanen, die Latein sprechen. Die Burgunder gehen sehr rasch in der viel zahlreicheren romanischen Bevölkerung auf: In der Sapaudia machen sie vielleicht ein Zehntel bis ein Drittel der Einwohner aus, im ganzen Reich weniger als einen von zehn. Römer und Burgunder werden auf denselben Friedhöfen bestattet, etwa in Sézegnin bei Genf, und das von König Sigismund 517 erlassene burgundische Gesetz regelt die Landteilung: Die Burgunder erhalten zwei Drittel der Äcker, ein Drittel der Sklaven und die Hälfte der Häuser, Wälder und Weiden. Ihre germanische Sprache verschwindet fast spurlos: Man spricht weiter Latein, aus dem die frankoprovenzalischen Mundarten der Westschweiz hervorgehen. Die arianischen Burgunder werden mit Sigismund katholisch, der zwischen 501 und 507 konvertiert.
Die Alemannen im Nordosten (6.–8. Jahrhundert). Die Alemannen, ein germanisches Volk, dessen Name «alle Männer» bedeutet, sind seit 289 bezeugt. Erst in der zweiten Hälfte des 6. und im 7. Jahrhundert überqueren sie unter fränkischer Führung den Rhein und siedeln im Mittelland. Ihre Sprache ist das Althochdeutsche, die Grundlage der schweizerdeutschen Mundarten: Das älteste Zeugnis ist eine Runeninschrift auf einer in Bülach gefundenen Fibel aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Die Ortsnamen erzählen die Etappen der Besiedlung: zuerst jene auf -ingen, dann auf -ikon, schliesslich auf -wil. Namen, die mit Walen- beginnen, nach dem Wort der Germanen für die Romanen (dasselbe wie «welsch»), bezeichnen Gebiete, in denen beide Sprachen nebeneinander bestanden.
Eine Grenze, die langsam entsteht (7.–16. Jahrhundert). Die Sprachgrenze ist keine direkte Folge der Ankunft von Burgundern und Alemannen. In vielen Gegenden überlebt die romanische Sprache lange neben der germanischen, und erst im 7. und 8. Jahrhundert zeichnet sich in den Haupttälern eine eigentliche Grenze ab; in den fast unbewohnten Berg- und Waldgebieten zwischen den Tälern bildet sie sich später, nach und nach. Im Wallis kommen deutschsprachige Gruppen zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert ins Oberwallis, und eine erste Grenze verläuft bei Gampel und Steg. In den folgenden Jahrhunderten rückt das Deutsche nach Westen vor und kommt im 16. Jahrhundert kurz oberhalb von Siders zum Stehen, beim Pfynwald, wo die Grenze noch heute verläuft.
Freiburg und Biel/Bienne, Städte an der Grenze. Zwei Städte liegen genau auf der Linie und sind offiziell zweisprachig. In Freiburg ist Deutsch von 1483 bis 1798 Verwaltungssprache; nach einer Zeit, in der Französisch und Deutsch abwechseln, sind seit 1857 beide Amtssprachen und seit 1991 völlig gleichgestellt. Heute sprechen in der Stadt etwa zwei von drei Einwohnern Französisch und einer von vier Deutsch. Biel/Bienne, ursprünglich stark deutschsprachig, zieht ab dem 19. Jahrhundert viele Französischsprachige an, die in der Uhrenindustrie arbeiten; heute sprechen etwa vier von zehn Einwohnern Französisch, und seit 1996 ist die Zweisprachigkeit im Gemeindereglement verankert.
Der «Röstigraben». Die Sprachgrenze ist auch zu einem politischen Bild geworden: dem «Graben» zwischen Deutsch- und Westschweiz. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz entsteht die Vorstellung zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als die Romandie für Frankreich und die Deutschschweiz für Deutschland Partei ergreift; das Wort Rösti, nach dem Deutschschweizer Kartoffelgericht, kommt wohl erst in den 1970er und 1980er Jahren hinzu. Heute braucht man den Begriff vor allem, wenn die beiden Landesteile unterschiedlich abstimmen, etwa in Europafragen. Als Analyse taugt er wenig, doch er ist so anschaulich, dass er den «Polentagraben» zum Tessin inspiriert hat.
Die Abtei Saint-Maurice (515). 515 gründet der Burgunderkönig Sigismund im Wallis die Abtei Saint-Maurice d’Agaune, an dem Ort, wo nach der Überlieferung der heilige Mauritius mit seiner Legion den Märtyrertod erlitt. Wenige Jahre später, 523, wird Sigismund gefangen, als er ausgerechnet in dem von ihm gegründeten Kloster Zuflucht sucht, den Franken ausgeliefert und kurz darauf getötet. Die Abtei ist das älteste ununterbrochen bestehende Kloster des Abendlands.