Vor der Eroberung (2. Jahrhundert–44 v.Chr.). Rom kommt aus mehreren Richtungen. Das Sottoceneri, Siedlungsgebiet der gallischen Insubrer, gehört schon im 2. Jahrhundert v.Chr. zur Gallia Cisalpina und wird 49 v.Chr. Italien angegliedert. Genf, das nördlichste Oppidum der Allobroger, gehört seit dem Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. zur Provinz Gallia Narbonensis. Nach der Niederlage bei Bibracte (58 v.Chr.) kehren die Helvetier ins Mittelland zurück, vielleicht durch einen Vertrag an Rom gebunden. 45/44 v.Chr. gründet Caesar auf konfisziertem helvetischem Land die Colonia Iulia Equestris, das heutige Nyon, um ihnen den Weg nach Südgallien zu versperren; 44 v.Chr. gründet Lucius Munatius Plancus die Kolonie Raurica, die Augustus als Augusta Raurica beim heutigen Augst neu gründen wird.
Die Eroberung der Alpen (15 v.Chr.). Augustus überträgt die Eroberung der Alpen seinen Stiefsöhnen Tiberius und Drusus. Nach jahrelangen Vorbereitungen beginnt der Feldzug 15 v.Chr. mit einer Zangenbewegung: Tiberius rückt von Lyon vor, Drusus zieht das Etschtal hinauf, weitere Truppen dringen in Graubünden ein. Spuren davon finden sich auf dem Basler Münsterhügel, auf dem Zürcher Lindenhof und in drei Wachttürmen über dem Walensee. Auch die Lepontier im Sopraceneri und die vier Völker des Wallis unterwerfen sich. Das Mittelland kommt zur Provinz Gallia Belgica, um 85 n.Chr. zu Obergermanien; die Alpentäler gehören zu Rätien und, im Fall des Wallis, zur Provinz der Grajischen und Poeninischen Alpen.
Vindonissa, die Legion (14–101 n.Chr.). Nach der Niederlage des Varus im Teutoburger Wald (9 n.Chr.) verzichtet Rom auf Offensiven in Germanien und sichert den Rhein mit einer Reihe von Lagern. Unter Tiberius wird der Militärposten Vindonissa, das heutige Windisch am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat, zum Legionslager: Nacheinander liegen hier die XIII Gemina, die XXI Rapax und die XI Claudia, rund sechstausend Mann auf etwa zwanzig Hektaren. Um das Lager wächst eine Zivilsiedlung mit vielleicht zehntausend Menschen, mit Amphitheater, Thermen und Tempeln. Im Schutthügel vor der Nordmauer haben sich über hundert hölzerne Schreibtafeln erhalten, die vom Alltag der Soldaten erzählen. 101, als die Grenze bereits über 250 km weiter nördlich liegt, verlegt Trajan die Legion an die Donau.
Aventicum, Hauptort der Helvetier. Zu Beginn unserer Zeitrechnung erhalten die Helvetier einen neuen, aus dem Nichts gebauten Hauptort nahe dem Murtensee: Aventicum, das heutige Avenches, das Tacitus gentis caput nennt, Haupt des Volkes. Die Hafenmole stammt aus dem Jahr 5 n.Chr.; die Stadt hat einen schachbrettartigen Grundriss mit dem Forum in der Mitte. Um 70 erhebt Vespasian, der den Helvetiern auch deshalb verbunden war, weil sein Sohn Titus einen Teil seiner Jugend in Avenches verbracht hatte, die Stadt zur Kolonie: Colonia Pia Flavia Constans Emerita Helvetiorum Foederata. Die Stadt erhält eine über 5,2 km lange Mauer mit 73 Türmen; ab 98 entsteht das grosse Heiligtum des Cigognier, von dem eine Säule steht, mit dem Theater gegenüber, und am Hang des Hügels ein Amphitheater. Am 19. April 1939 wird im Abwasserkanal des Cigognier eine Goldbüste gefunden, meist als Kaiser Mark Aurel gedeutet: ein Zeichen des von Rom eingeführten Kaiserkults.
Strassen, Villen und Romanisierung. Die Landschaft unterscheidet sich von der heutigen: Die Talböden sind sumpfig, ganze Regionen bewaldet, und die Hauptachse ist nicht der Gotthard, sondern der Grosse St. Bernhard, die schnellste Verbindung zwischen Rhein und Rom, die Kaiser Claudius ausbauen lässt; in Martigny gründet er das Forum Claudii Vallensium. Entlang der Strassen wachsen Städte, Dörfer und Märkte. Das 2. Jahrhundert ist eine Zeit des Friedens: In Augusta Raurica, das um 200 rund zwanzigtausend Einwohner zählt, entstehen Thermen, ein drittes Theater und mit Mosaiken geschmückte Häuser; auf dem Land luxuriöse Villen wie in Orbe-Boscéaz, Pully und Colombier. 212 werden alle freien Einwohner des Reichs römische Bürger. Das Historische Lexikon der Schweiz beschreibt die Romanisierung nicht als blosses Aufzwingen, sondern als Begegnung, an der die keltischen und rätischen Eliten aktiv teilnehmen: So entsteht die gallorömische Kultur, am Genfersee stärker als in den Alpentälern.
Die Krise des 3. Jahrhunderts und der Rhein. Ab 213 drängen die Alamannen gegen die Grenze. Um die Jahrhundertmitte wird das Reich von Bürgerkriegen und Usurpatoren erschüttert; 260 brechen die Alamannen in die Grenzprovinzen ein, und Kaiser Gallienus befestigt Vindonissa. In der zweiten Jahrhunderthälfte werden die Gebiete jenseits des Rheins aufgegeben, und der Fluss wird wieder zur Reichsgrenze. Augst wird um 273/274 zerstört und zieht sich auf den befestigten Hügel Kastelen zurück; die Wirkung der Alamanneneinfälle auf Avenches ist laut dem Historischen Lexikon allerdings zu relativieren. Diokletian und Konstantin verstärken die Grenze mit Kastellen in Oberwinterthur, Stein am Rhein und vor allem Kaiseraugst, dem Castrum Rauracense, Standort der Legion I Martia. Um 352 wird dort der Silberschatz von Kaiseraugst vergraben. Valentinian I. baut Wachttürme am Rhein, doch 401/402 zieht Stilicho viele Truppen zur Verteidigung Italiens ab. Fortan überträgt Rom die Verteidigung verbündeten Völkern: 443 werden die Burgunder in der Sapaudia angesiedelt.