Der Plan des Orgetorix (61–58 v.Chr.). Fast alles, was wir wissen, stammt von Caesar, der den Feldzug im ersten Buch seines De bello Gallico schildert: ein Geschichtswerk, aber auch eine politische Rechtfertigung, und das Historische Lexikon der Schweiz rät zur Vorsicht, besonders bei den Zahlen. «Bei den Helvetiern war Orgetorix bei weitem der vornehmste und reichste» (I, 2, 1): 61 v.Chr. überzeugt er, getrieben vom Wunsch nach der Königsherrschaft, sein Volk, es sei «sehr leicht, da sie alle an Tapferkeit überträfen, die Herrschaft über ganz Gallien zu gewinnen» (I, 2, 2). Die Helvetier fühlen sich eingeengt zwischen Rhein, Jura, Genfersee und Rhone und kaufen zwei Jahre lang Wagen und Zugtiere und säen so viel wie möglich (I, 3). Des Strebens nach Macht angeklagt, erscheint Orgetorix mit zehntausend Leuten vor Gericht und stirbt kurz darauf, vielleicht durch eigene Hand (I, 4). Die wahren Gründe der Auswanderung bleiben im Dunkeln: Einfälle der Germanen, wie Caesar sagt, oder wirtschaftliche und politische Motive, die wir nicht kennen.
Der Aufbruch (März 58 v.Chr.). Auch ohne Orgetorix brechen die Helvetier auf. Um sich jede Hoffnung auf Rückkehr zu nehmen, «zünden sie alle ihre Städte an, etwa zwölf, etwa vierhundert Dörfer und die übrigen Einzelgehöfte» (I, 5, 2), verbrennen das Getreide, das sie nicht mitnehmen können, und jeder nimmt Mehl für drei Monate mit. Mit ihnen ziehen die Rauriker, Tulinger, Latobriger und Boier. Der Sammelplatz am Ufer der Rhone ist auf den 28. März 58 v.Chr. festgesetzt (I, 6, 4); das Ziel ist das Land der Santonen an der Atlantikküste.
Genf und die Rhone (April 58 v.Chr.). Caesar, eben zum Statthalter Galliens ernannt, eilt nach Genf und lässt die Brücke über die Rhone abbrechen (I, 7, 2). Den Gesandten Nammeius und Verucloetius, die um Durchzug durch die römische Provinz bitten, gegenüber spielt er auf Zeit: Er erinnert sich, dass die Helvetier den Konsul Lucius Cassius getötet und sein Heer «unter das Joch» geschickt hatten (I, 7, 4). Inzwischen bauen seine Soldaten vom Genfersee bis zum Jura eine sechzehn Fuss hohe und neunzehn Meilen lange Mauer mit einem Graben (I, 8, 1); dann wird der Durchzug verweigert.
Die Saône und Divico (Juni 58 v.Chr.). Die Helvetier ziehen nun durch das Gebiet der Sequaner und brauchen zwanzig Tage, um die Saône zu überqueren. Caesar überrascht den zurückgebliebenen Teil, den pagus der Tiguriner, und metzelt ihn nieder (I, 12): eben jene Tiguriner, die «zur Zeit unserer Väter» Lucius Cassius getötet hatten. Dann schlägt er an einem einzigen Tag eine Brücke. Die Helvetier schicken ihm als Gesandten den greisen Divico, der sie gegen Cassius geführt hatte: Ihre Väter, sagt er, hätten sie gelehrt, «mehr mit Tapferkeit zu kämpfen als sich auf List oder Hinterhalt zu verlassen» (I, 13, 4), und als Caesar Geiseln fordert, antwortet er, die Helvetier seien gewohnt, «Geiseln zu nehmen, nicht zu geben» (I, 14, 7).
Die Schlacht bei Bibracte (Juni 58 v.Chr.). Knapp an Vorräten, wendet sich Caesar nach Bibracte, «der bei weitem grössten und reichsten Stadt der Häduer» (I, 23, 1), auf dem Mont Beuvray in Burgund. Die Helvetier nutzen die Gelegenheit zum Angriff. Gekämpft wird «von der siebten Stunde bis zum Abend», und während der ganzen Schlacht «konnte niemand einen Feind den Rücken kehren sehen» (I, 26, 2); nachts geht der Kampf bei den Wagen weiter, die als Wall dienen, und dort werden eine Tochter und ein Sohn des Orgetorix gefangen. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz fand die Schlacht höchstwahrscheinlich bei Montmort statt, nicht weit von Bibracte, wo Grabungen einen von den Legionären angelegten Graben freigelegt haben.
Kapitulation und Rückkehr. Rund 130'000 Überlebende fliehen ins Land der Lingonen (I, 26, 5), ergeben sich aber ohne Vorräte. Caesar befiehlt den Helvetiern, Tulingern und Latobrigern, in ihre Gebiete zurückzukehren und Städte und Dörfer wieder aufzubauen, und den Allobrogern, sie mit Getreide zu versorgen: Er will nicht, dass das Mittelland leer bleibt und sich dort die Germanen von jenseits des Rheins niederlassen (I, 28, 3). Im Lager der Helvetier finden die Römer Tafeln «in griechischen Buchstaben» mit einer Zählung der Ausgewanderten: 263'000 Helvetier, 36'000 Tulinger, 14'000 Latobriger, 23'000 Rauriker und 32'000 Boier, insgesamt 368'000 Menschen, davon 92'000 Waffenfähige; bei der Rückkehr zählt man 110'000 (I, 29). Wahrscheinlich schliessen die Helvetier damals einen Vertrag mit Rom, den sie 52 v.Chr. brechen, als sie Vercingetorix bei Alesia 8000 Mann zu Hilfe schicken.
Divico und das Joch: von 107 v.Chr. bis ins 19. Jahrhundert. 107 v.Chr. hatten die Tiguriner unter Divico bei Agen im Südwesten Galliens das Heer des Konsuls Lucius Cassius Longinus besiegt; der Konsul fiel, und die überlebenden Römer mussten unter dem Joch hindurchgehen. Diese Szene malte Charles Gleyre 1858; das Bild hängt heute im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne. Im 19. Jahrhundert erinnerte sich die Schweiz auf der Suche nach heldenhaften Vorfahren lieber an diesen Sieg als an die Niederlage von Bibracte: In Karl Jauslins Bildtafeln Die Schweizergeschichte in Bildern (1885–1887) erscheint Divico neben Wilhelm Tell und Arnold Winkelried. Doch, so das Historische Lexikon der Schweiz, Bibracte und Divico wurden in der Schweiz nie zu Symbolen wie Alesia und Vercingetorix in Frankreich: Das eigene Land verlassen zu wollen, ist wenig patriotisch.