Ein Volk, von aussen gesehen. Über die Helvetier wissen wir wenig, und fast immer von fremden Autoren. Der Grieche Poseidonios beschreibt sie im 1. Jahrhundert v.Chr. als «reich an Gold, aber friedlich»; eine in Mantua gefundene Schale von etwa 300 v.Chr. trägt den eingeritzten Namen eines «Helvetiers», die älteste Erwähnung des Volkes. Für Julius Caesar ist ihr Gebiet von Rhein, Jura, Genfersee und Rhone umschlossen, und ihre civitas ist in vier pagi gegliedert, darunter jener der Tiguriner. Der Historiker Tacitus verortet sie im 2. Jahrhundert v.Chr. noch in Süddeutschland: Viele Forschende vermuten, dass sie sich zur Zeit der Wanderungen der Kimbern und Teutonen (113–101 v.Chr.) im Mittelland niederliessen, doch die Archäologie bestätigt dies nicht, und die Helvetier allein anhand der Funde von ihren Nachbarn, den Raurikern und Sequanern, zu unterscheiden, ist schwierig.
Bauern, Handwerker, Händler. Die Gesellschaft besteht vor allem aus Bauern und Viehzüchtern, doch die Handwerker verarbeiten Eisen, Bronze, Glas und Gold mit grossem Können. Bernstein von der Ostsee und Korallen aus dem Mittelmeer zeugen von Fernhandel. Die Gräber erzählen vom Alltag: Im Gräberfeld von Münsingen-Rain bei Bern umfassen mehr als 220 Bestattungen und rund 1200 Gegenstände fast drei Jahrhunderte, und die Fibeln, die Gewandnadeln, ändern ihre Form beinahe von Generation zu Generation. Die ersten Münzen sind aus Gold und Silber; ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. werden Münzen aus Potin, einer Kupferlegierung, gegossen, und auf dem Mont Vully wurde ein Prägestempel für Silbermünzen gefunden.
Die ersten Städte: die Oppida. Ab dem Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. entstehen befestigte Zentren, oft auf einer Anhöhe, mit Handwerkerquartieren, Heiligtümern und Münzstätten: die Oppida, die ersten Städte nördlich der Alpen. Das grösste ist wohl Brenodurum auf der Engehalbinsel bei Bern, durch eine Aareschlaufe geschützt und über 140 Hektaren gross. Auf dem Mont Vully zwischen Neuenburger- und Murtensee umschliesst um 120 v.Chr. ein Wall aus Holz und Trockenmauerwerk 50 Hektaren; weitere Oppida liegen auf dem Uetliberg bei Zürich, in Yverdon-les-Bains und in Altenburg-Rheinau am Rhein. Laut Caesar brennen die Helvetier 58 v.Chr. zwölf Oppida und rund vierhundert Dörfer nieder, bevor sie nach Gallien aufbrechen.
Die Entdeckung von La Tène (1857). Im November 1857 entdeckt der Fischer Hans Kopp, der für den Bieler Sammler Friedrich Schwab nach prähistorischen Gegenständen sucht, die Fundstelle La Tène am Nordende des Neuenburgersees, nahe der Mündung der Zihl. Die erste Juragewässerkorrektion (1868–1891) senkt den Seespiegel und legt die Fundstelle trocken: Emile Vouga gräbt dort und veröffentlicht 1885 Les Helvètes à La Tène. Die offiziellen Grabungen von 1907 bis 1917 leiten William Wavre und danach Paul Vouga. Heute sind über 4500 Funde bekannt, verteilt auf rund dreissig Museen weltweit.
Ein Heiligtum am Wasser. Die meisten Gegenstände lagen in einem alten Arm der Zihl zwischen zwei Holzbrücken. Über 90 Prozent stammen aus dem 3. und frühen 2. Jahrhundert v.Chr.: Schwerter, verzierte Scheiden, Lanzenspitzen, Schilde, Fibeln, Werkzeuge und Goldmünzen, dazu Tierknochen und menschliche Überreste, darunter zwanzig Schädel. Viele Waffen wurden absichtlich verbogen oder zerbrochen. Deshalb sehen die meisten Fachleute in La Tène heute einen Kultort, an dem Waffen und Trophäen ausgestellt und dann dem Wasser geopfert wurden. Das Wasser hat auch Holz, Textilien und Flechtwerk erhalten: ein Wagenrad, Joche, ein Seil und ein Schildbrett, das dendrochronologisch auf um 225 v.Chr. datiert ist und zum Bezugspunkt für die Chronologie der ganzen keltischen Welt wurde.
Vom Fundort zum Namen einer Epoche. 1874 schlägt der Schwede Hans Hildebrand vor, die Eisenzeit in zwei Perioden zu teilen und sie Hallstatt und La Tène zu nennen. Seither bezeichnet «Latènekultur» die jüngere Eisenzeit in Europa, die in der Schweiz üblicherweise von 480 bis 30 v.Chr. datiert wird; die Forschung warnt allerdings davor, eine materielle Kultur mit einem Volk gleichzusetzen. Die wichtigsten Sammlungen befinden sich im Neuen Museum Biel, das die Sammlung Schwab bewahrt, und im Laténium in Hauterive, dem 2001 eröffneten archäologischen Park und Museum des Kantons Neuenburg unweit der Fundstelle. Der Name der Helvetier lebt in Helvetia und im Kürzel CH, Confoederatio Helvetica, weiter.